VUKOVAR …EIN MYTHOS (Teil1)

Tradition – Gedenken – Protest?

Eine Reportage von Dirk Guhl
Foto 3 (1)Am 18.11.2013 jährte sich zum 22. Male der Fall der Stadt Vukovar. Grund genug für mich an diesem Tag nach Vukovar zu gehen und mich selbst davon zu überzeugen.

In Vukovar war ich schon einige Male. Die Stadt ist mir bekannt genauso wie die Geschichte der Stadt.

Jetzt, wo ich in Slawonien wohne und das Leben hier unmittelbar mitbekomme, werde ich am Jahrestag dorthin fahren, ganz unvoreingenommen, sofern das hier möglich ist und meine Liebe zu Kroatien es hergibt. Vukovar ist überall, ein Mythos den man hier in Kroatien immer und überall begegnet.

Was bedeutet den Kroaten dieser Tag

1456779_547413442006884_723448489_nIm kroatischen Leben ist dieser Name immer präsent, an Brücken, Häusern, auf Fahnen selbst beim Fußball wird der Name der Stadt auf Transparenten gezeigt.

Was bedeutet den Kroaten dieser Tag? Was wird da passieren? Was erwarten die Kroaten von diesem Tag? Welche Bedeutung hat dieser Tag für das neue EU- Mitglied?

Kroatien hat andere Probleme im Land. Arbeitslosigkeit, kein Perspektive, besonders junge Leute verlassen das Land. Warum steckt man die Energie nicht in wichtigere Dinge? Ich bekomme mit, dass überall im Land Busse nach Vukovar fahren werden. Junge Leute.

547503_547415285340033_2071842188_n (1)Diese haben zum größten Teil den Krieg, wenn überhaupt, als Kind erlebt. Warum sind sie so enthusiastisch? Unter welchem Einfluss stehen sie? Ich ziehe gedankliche  Parallelen zum Krieg in Deutschland.

Aber warum werden die kommenden Generationen hier immer mehr in dieses Thema involviert? Ein Zitat eines jungen Kroaten macht mich nachdenklich:

-Wir Kroaten sind ein Volk wir halten uns nicht an die Vorschriften! Wir machen unsere eigenen Vorschriften!

Alles Fragen, auf die ich eine Antwort suche am 18.11. 2013 in Vukovar!

Zwei Tage vorher sitze ich im Rahmen eines Schlachtfestes mit ehemaligen kroatischen Majoren in der Nähe von Vinkovci zusammen. Wir unterhalten uns darüber. Keiner geht nach Vukovar. Sie haben Angst das etwas passiert!

547503_547415288673366_1181513698_nIch frage nach was denn passieren sollte und ob schon etwas passiert war? Nein aber man hat Angst. 100.000 Leute sollen dorthin gehen! 26.000 Einwohner hat die Stadt.

Für viele dieser Generation ist das Thema vorbei. Die wollen ihre Ruhe haben. Sie sehen es auch als kritisch, dass die junge Generation wieder “radikalisiert” wird.

Also ich bin gespannt. Auch auf das offizielle Programm des kroatischen Staates.

Den Heldenfriedhof, das Mahnmal an der Drava und die Memorial Halle in Ovcara habe ich so oft gesehen. Mir ist Vukovar immer als wieder aufgebaute Stadt in guter Erinnerung. Modern und mehr Gäste als anderswo in Slavonien.

Irgend etwas erwarte ich

547503_547415298673365_1883917692_nIch habe in kroatischen Cafes gesessen und war in serbischen Bars. Überall wurde ich freundlich bedient. Als Gast spürt man sehr wenig den Zwist innerhalb der Bevölkerung.

Auch habe ich einige kroatische Freunde in Vukovar. Diese werde ich gleich mal an diesem Tag mit besuchen. Ich weiß nicht was, aber irgend etwas erwarte ich, irgend etwas wird an diesem Tag anders sein!

18.11.2013

Es ist 7.30 Uhr als ich mich von Kutjevo aus auf den Weg mache. Es ist frisch und ein grauer vernebelter Morgen.

Die knapp 100 km fahre ich durch Slawonien. Nichts deutet irgendwie daraufhin was mich dort erwartet. Erst 20 km vor Vukovar überholen mich 2 Kleinbusse mit Kriegsveteranen und zwei Reisebusse aus Dubrovnik.

Mehr ist nicht. Ich kann schwer glauben, dass über 100.000 Menschen heute die Stadt besuchen werden. Ein wenig bin ich enttäuscht. Speziell bei der Durchfahrt von Osijek hatte ich auf  Hinweise oder Aktivitäten in großem Stile gehofft.

988373_547581621990066_1487008364_nIch frage mich, ob denn das Thema Vukovar gar nicht mehr so die Bedeutung hat in der Bevölkerung. Schließlich gibt es hier in Kroatien wichtigere Probleme für die Menschen….

Dann passiere ich ein kleines Denkmal kurz vor Vukovar. Und plötzlich Polizeitlicht. Ein kleine Gruppe von vielleicht 15 Mann marschiert beflaggt und mit Warnweste  hinter einem Feuerwehrauto Richtung Vukovar.

Begleitet durch ein Polizeifahrzeug. Die Männer haben Spaß und trinken Bier. Mich erinnert das eher an einen Männertagsausflug in Deutschland.

Um 9.23 Uhr erreiche ich Vukovar. 10 Uhr ist Beginn der Veranstaltung. Ich sehe und spüre noch nichts. Nur Hinweise auf die Memorial Hall in Ovcara am Straßenrand.

Kroaten zeigen gerne die Flagge

1470015_547415832006645_1956271550_nDort war ich schon oft. Aber heute erwarte ich irgend etwas besonderes. An den Häusern sehe ich die ersten kroatischen Fahnen. Sehr wenige für den heutigen Anlaß, obwohl die Kroaten bei der kleinsten Gelegenheit Flagge zeigen.

Ich halte dann am Panzerdenkmal von Vukovar. Ja hier ist endlich mal was los. Es haben sich ca. 300 Personen versammelt. Die Leute sind komplett in schwarz gekleidet, mit Sonnebrille und teilweise vermummt. Das Bild erinnert mich an die Ultraszene bei einem Fußballspiel in Deutschland.

Es gibt Fanshops. Ich kann Schals, T-Shirts, Mützen usw. kaufen mit dem Aufdruck “Vukovar 1991”. Das ganze wirkt auf mich eher gespenstig denn als Erinnerung an die Opfer von damals.

1393642_547413902006838_1042278376_nIch fahre noch ein paar hundert Mete weiter und dann geht alles sehr schnell. Polizeisperre. Blaulicht und Militär überall. Die Polizei hat die Einweisung auf die Parkplätze nicht wirklich im Griff.

So kommt es zu lautstarken Auseinandersetzungen mit Besuchern. Ich bekomme erstmals ein Gefühl für das was hier passieren kann. Ich parke mein Auto als auch 3 km vor dem Zentrum ab und gehe mit Hunderten von Leuten gemeinsam zu Fuß in die Stadt.

Viele haben ein Fahne mitgebracht. Es sind die unterschiedlichsten Charaktere, Frauen mit Kind, Familien, Vereine. Alt und Jung beieinander. Es ist wie als gehe man zu einem Fußballspiel.

Menschen, Uniformen, Pflaggen…

Eine friedliche Atmosphäre. Am Straßenrand kann man sich zu Essen und zu trinken kaufen. Es gibt auch hier viele Stände an denen sich die Leute Kerzen, Schals, T-Shirts usw. kaufen.

Mir kommt das schon sehr kommerziell vor. Aber ich kaufe eine Kerze und eine Rose. Beides möchte ich am Ehrenfriedhof  niederlegen.

1393642_547413905340171_966256009_nÜberall aus den Seitenstraßen kommen Menschengruppen. Busse werden ausgeleert. Es werden immer mehr. Sie kommen mit  Fahnen und Spruchbändern. Viele tragen Uniformen der kroatischen Armee, andere haben Mützen aus Kriegszeiten auf. Männer und Frauen, selbst Kinder.

Junge und alte Leute. Die Farbe Schwarz dominiert. Die Bekleidung und das Auftreten einiger Gruppen hier wirkt schon sehr befremdlich. Irgendwie nicht zeitgemäß. Es ist eine bedrückende und für mich äußerst mseltsame Situation.

Ich spüre eine gewisse Spannung in der Luft. Ich kann nicht sagen, ob diese Leute hier sind um an die Opfer zu Gedenken, zu Protestieren oder einfach nur um an 1991 zu erinnern.

Ich gehe die restlichen Meter in die Stadt und ich stehe in Mitten von tausenden Leuten. Direkt vorm Krankenhaus. Einem der bekannten Schauplätze in Vukovar.

Die Menschen stehen dicht gedrängt in einer Schlange und lauschen vor einer Leinwand der Übertragung einer offiziellen Gedenkveranstaltung im Innenhof. Ich sehe mir das drinnen an: und bin beeindruckt!

Vor der Gedenktafel stehen 200 Kerzen als Erinnerung an die 200 Opfer von Ovčara. Auf eine Bühne sprechen ein paar anscheinend wichtige Leute. Viele Jugendliche hören hier zu. Auf mich wirkt das sehr nachdenklich. Ich fühle die Trauer. Es ist ein ehrliches und stilles Gedenken an die Opfer.

Der Zug der Massen

Draußen auf der Straße formiert sich indes der Zug der Massen. Viele Fahnen und Transparente. Aber besonders das Erscheinungsbild der Leute hier wirkt sehr gespenstisch.

1424418_547581591990069_1291593761_nIch habe nicht den Eindruck, dass es hier zu Gewaltübergriffen kommt. Aber es erinnert mich schon etwas an Soldatenaufmärsche. Nicht nur im Erscheinungsbild der Personen sondern vielmehr aus den Gesichtern einiger Gruppierungen sprüht noch immer Hass.

Hass auf was kann ich nicht sagen. Aber man merkt deutlich dass für viele der Krieg noch immer ein entscheidender Punkt in den Köpfen ist. Ich laufe neben dem Zug her und mache mir so meine Gedanken.

Es ist kein offizieller Feiertag. Dennoch sind bestimmt fast 70.000 Leute hier (die angekündigten 100.000 waren etwas übertrieben). Am äußersten Ende von Kroatien versammeln sich alle um an die damaligen Ereignisse zu erinnern …

Anmerkung der Redaktion:
Wir haben schon über Dirk Guhl geschrieben. Zwar auf kroatisch, aber …immer hin. Das war …hier. Sein vorhaben in Kroatien zu leben und an seinem Buch zu arbeiten hat uns fasziniert. Das Buch heisst, fast genauso wie unsere Rubrik, ANČI – DER WEG (M)EINER LIEBE. Falls sie noch mehr über Dirk wissen wollen besuchen sie ihn auf seiner Web-seite www.dirkguhl.com

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